
Die Tasche, die Kugel und vierzig Jahre Pause
Es gibt Wettkämpfe, die man gewinnt. Und es gibt Wettkämpfe, die man einfach erlebt – und die einem noch Jahre später einfallen, wenn man an Sport denkt. Toruń, Ende März 2026, gehörte für die drei Athleten der LG Welfen (TV Weingarten) eindeutig zur zweiten Kategorie.
Die polnische Stadt an der Weichsel war Gastgeber der 15. Europameisterschaften der Masters-Leichtathletik, einem Wettbewerb, bei dem Tausende Sportlerinnen und Sportler aus ganz Europa antreten – Menschen, die den Sport nicht aus Pflicht betreiben, sondern weil sie ohne ihn schlicht nicht können. Unter ihnen: Krzysztof Skupien, Andreas Glück und Waltraud Rosenfelder aus Weingarten.
Das Comeback
Waltraud Rosenfelder wird in Weingarten vor allem als Trainerin wahrgenommen. Sie ist die Frau, die seit Jahrzehnten an der Seitenlinie steht, deren Blick mehr sagt als mancher Satz, die aus Athletinnen und Athleten mehr herausholt, als diese sich selbst zutrauen. In Toruń aber legte sie die Trainerrolle kurz ab.
Zum ersten Mal seit über vierzig Jahren trat sie selbst in einem Wettkampf an. Kugelstoßen, Klasse W70. Wer sie kennt, war nicht überrascht, dass sie das tat. Überraschend war allenfalls, mit welcher Selbstverständlichkeit sie es tat. Keine große Geste, kein Aufhebens – sie ging in die Anlage, führte die Drehtechnik aus, die sie jahrelang weitergegeben hatte, und warf. 7,86 Meter. Neuer Saisonbestwert. Platz 7 von 13 Finalistinnen aus ganz Europa.
Vierzig Jahre. Manchmal fragt man sich, warum man so lange wartet.
Der Allrounder
Andreas Glück absolvierte in Toruń, was man nur als vollständiges Programm bezeichnen kann. Speerwurf am ersten Tag – 41,40 Meter, Platz 5 von 11 im Finale, die Wurfweite des Weltrekordlers Lars Koehler aus Deutschland mit 43,99 Metern vor Augen. Dann der Fünfkampf M55 über mehrere Disziplinen, abgeschlossen mit Platz 8 von 30 Athleten und 3.498 Punkten.
Und weil das offenbar noch nicht genug war, stand er am Tag darauf im Diskussektor. 40,53 Meter – Platz 5 von 15 Athleten, das Podium um wenige Meter verfehlt. Doch an diesen Zahlen allein lässt sich nicht ablesen, was sie bedeuten: nämlich dass hier jemand an drei aufeinanderfolgenden Wettkampftagen auf europäischem Niveau performt hat, ohne einmal nachzulassen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist Arbeit.
Der fünfte Akt
Krzysztof Skupiens Geschichte in Toruń beginnt zwei Wochen vor dem Wettkampf – im Bett. Ein grippaler Infekt, langwierig genug, um jede Trainingseinheit zu streichen. Der Fünfkampf näherte sich, der Körper spielte nicht mit. Er fuhr trotzdem.
Was dann folgte, liest sich wie ein Theaterstück mit zu vielen Verwicklungen. Eine Stunde Zeitdifferenz bei der Anfahrtsplanung, ein Sprint durch den Halleneingang, eine Treppe, auf der er ausrutschte und sich Prellungen holte – und dann, im Call Room, der Griff in die mitgebrachte Tasche. Die falsche Tasche. Die seines Teamkollegen Glück, um genau zu sein.
Was jetzt folgte, geschah in wenigen Minuten: Glück erschien mit der richtigen Tasche, die Spikes wurden montiert, das Aufwärmen entfiel vollständig. Direkt auf die Bahn, direkt in die 60-Meter-Hürden.
Zweiter Platz in seiner Gruppe. 9,51 Sekunden.
Beim Kugelstoßen wagte er die Drehtechnik – und übertraf die Zehn-Meter-Marke. Wobei: Beim Einwerfen hatte er den Sektor einmal so gründlich verfehlt, dass sich fortan in der Halle bei jedem seiner Würfe eine Art kollektiver Reflex einstellte. Man zog instinktiv den Kopf ein. Skupien fand das sichtlich amüsant.
Den Vortag hatte er beim Diskuswurf verbracht – nicht mit Medaillenhoffnungen, sondern mit dem Wunsch, dabei zu sein. Bei Kälte, Wind, in einer Halle voller Menschen aus ganz Europa, die alle dasselbe wollten: noch ein Wettkampf, noch ein Wurf, noch ein Mal spüren, wofür man all die Jahre trainiert hat.
Fünfkampf M35, Gesamtergebnis: Platz 7 von 16 Teilnehmern, 2.647 Punkte. Gemessen an dem, was die zwei Wochen davor passiert war – eine bemerkenswerte Leistung.
P.S.: Vielen Dank an Krzysztof Skupien für das Verfassen des Artikels!